Richard Weiss

Richard Weiss wurde am 31. Mai 1884 in Wien geboren und verstarb als ehemaliger Gymnasialprofessor und
Schriftsteller am 12. Juli 1960 im australischen Roseville. Sein Vater Wilhelm (1846-1928) stammte aus dem
ungarischen Teil der Habsburgermonarchie, studierte Medizin und avancierte in Wien zum k.k. Oberbezirksarzt.
1883 gab er im Alter von 37 Jahren in Linz der Zwanzigjährigen Olga Feigl (1863-1918) das Eheversprechen.
Nach Richards Geburt folgte 1885 sein Bruder. Er wird sich in Wien als Schriftsteller und Finanzrat betätigen.
Seine regen publizistischen und Vortragstätigkeiten standen ganz im Zeichen sozialdemokratischer
Überzeugungen. 1924 erreichte sein Politisches Handbuch. Ein sozialistischer Wegweiser die Öffentlichkeit.
Es war derart erfolgreich, dass es 1927 als zweite Auflage erneut erschien. Nach dem Bürgerkrieg von 1934
standen Buch und Autor jedoch unverzüglich auf der Verbotsliste der austrofaschistischen Regierung. Mit
dem politischen Umbruch in Österreich verliert sich seine Spur. Schwester Flora, verheiratete Hofbauer,
kam 1894 auf die Welt, sie verstarb hochbetagt 1989.
Alle drei Geschwister waren klassische Sprösslinge einer jüdischen Zuwanderung, die die Eltern von der
Peripherie ins Zentrum der Habsburgermetropole führte. Bei beiden Söhnen zeigt sich anhand ihres
beruflichen Werdegangs nicht nur eine geglückte Integration, sondern auch ein politisches Engagement
im Umkreis der Sozialdemokratie. Nach dem Besuch des Gymnasiums promovierte Richard Weiss 1910 an der
Philosophischen Fakultät im Fach Germanistik. Als Thema wählte er „Die Titel des deutschen Dramas I.
Teil. Das Drama des Mittelalters“. Ein Jahr später, 1911, heiratete er die um zwei Jahre jüngere Paula
Korneli (1886-1942). Ein Jahr darauf trat er aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus und ließ sich
1913 von seiner, in der Gemeinde verbleibenden Ehefrau Paula scheiden. Ihre gemeinsame Tochter Luzie war
1912 geboren worden.
Als Absolvent der Universität Wien unterrichtete Dr. Richard Weiss vor dem Ersten Weltkrieg in der
berühmten Reformschule von Eugenie Schwarzwald . Hier übte er sich zudem als Regisseur, wenn er mit
den Kindern der zweiten Gymnasialklasse ein Theaterstück einstudierte. Darüber hinaus betätigte er
sich, ebenso wie sein Bruder, als Schriftsteller. So findet man Texte und Gedichte von ihm in „Die Fackel“,
der satirischen Zeitschrift von Karl Kraus , die dieser zwischen 1899 und 1936 herausgab, und in
„Der Brenner“. Als Glücksfall erwies sich ein finanzielles Erbe des Philosophen Ludwig Wittgenstein.
Er hatte es nach dem Tod seines vermögenden Vaters erhalten und ließ es 1914 an mittellose Kunstschaffende
verteilen. Unter ihnen befand sich auch Richard Weiss mit einer Zuwendung von 1000.- Kronen (umgerechnet um
die 4.000.- Euro). Dies zeigt einerseits seine offensichtlich prekäre finanzielle Situation und andererseits
eine wertschätzende Beachtung in der schriftstellerischen Zunft. Ehrenamtlich betätigte sich der vielfach
Engagierte als Geschäftsführer der österreichischen Zweigstelle des Stern-Verlags, der die Schriften des
indischen Philosophen Krishnamurti herausgab .
Als Vollblutpädagoge lag ihm die Jugend besonders am Herzen. So rief er 1924 zur Mitarbeit an der
Neugründung einer eigenen internationalen Jugendzeitschrift auf. Das erste Heft erschien 1925,
Richard Weiss fungierte als Herausgeber . Die Idee dazu war bereits 1923 während des internationalen
Kongresses für neue Erziehung in Montreux entstanden. Da fasste der Umtriebige den Entschluss, ein Organ
zu schaffen, „das die reifere Jugend aller Länder zur Verbreitung und Festigung des Weltfriedensgedankens
miteinander verbinden würde. Jung bleiben und neu aufbauen, eine neue Schule, eine neue Gesellschaft, eine
neue Politik, die Erde gereinigt zu einer Heimstätte für alle, alle, ernst machen mit dem Gedanken der
Entwicklung, nicht nur Erbe des Alten zu sein, sondern Vorläufer, Bringer des Neuen, höher hinauf,
ungeahnter Vollendung zu.“
Mit diesen Worten zeigt sich Richard Weiss als einer von jenen Ambitionierten, die den sozialen und
politischen Krisen der Zeit mit reformatorischen Ideen zu begegnen suchten. Anhand zahlreicher
öffentlicher Vorträge, die bis 1937 in den unterschiedlichen Printmedien angekündigt wurden, manifestierte
sich darüber hinaus seine Haltung, die ihn als Anhänger und Vermittler der Theosophie erkennen ließ. Somit
zeigt er sich als einer von Vielen, die in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts Trost in
fernöstlichen Weisheitslehren suchten. Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie und dem Ende
des Ersten Weltkriegs wuchs in den folgenden turbulenten Zeiten die Sehnsucht nach sinnstiftenden
Philosophien und praktischen Reformprogrammen. Die Herausforderungen der jungen Republik waren enorm,
die Inflation galoppierte und allenthalben wuchsen Not und Elend. Visionen waren gefragt. So wollte die
Sozialdemokratie mit neuen Gemeindebauten und Genossenschaftssiedlungen der massiven Wohnungsnot in Wien
Einhalt gebieten. Dabei kooperierte sie für die Siedlung „Eden“ am Rande des Wienerwaldes im Westen der
Hauptstadt mit zahlreichen Architektinnen und Architekten, wie dem arrivierten Adolf Loos, dem jungen
Ernst Egli oder der aufstrebenden Margarete Schütte-Lihotzky. Sowohl architektonisch als auch pädagogisch
realisierte man hier ein mutiges Experiment. In ihm trafen sich Mitglieder der Theosophie, Sozialdemokratie,
Anarchie oder auch des Quäkertums unter dem gemeinsamen Bekenntnis einer vielfältigen Lebensreform.
Die Wiener Siedlungsbewegung avancierte zu einer der bedeutendsten in Europa.
Im Zusammenhang mit den enormen sozialen Herausforderungen stand die Gründung eines Mädchenheims.
1921 hatte die „Theosophische Bruderschaft für Erziehung“ ein aus nationalen und internationalen Spenden
bestehendes Projekt in Hütteldorf gestartet. Während Grund von der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellt
wurde, sorgten Spenden in der Gartensiedlung „Eden“ für die Errichtung eines Hauses. Bereits zu
Weihnachten 1922 konnte es seinem Zweck übergeben werden. Für die architektonische Gestaltung des
Gebäudes in der Knödelhüttenstraße 64, 1140 Wien, gewann man die junge Margarete Schütte-Lihotzky
(1897-2000) . In ihm fanden nun 15 verwahrloste und unterernährte Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren
Aufnahme. Sie wurden mit vegetarischer Gesundheitskost versorgt, durften jeden Tag ein Bad nehmen,
sowohl im Winter als auch im Sommer bei offenem Fenster schlafen, Turn- und Atemübungen machen und bei
strengem Alkoholverbot den Garten bestellen. In dieser auf Subsistenz aufgebauten kleinen Republik
fungierte neben der fürsorglichen Hausmutter Frau Kastinger, Dr. Richard Weiss als Heimleiter. Bei
seiner Arbeit wurde er tatkräftig von John Cordes unterstützt. Cordes arbeitete als Generalsekretär bei
der Theosophischen Gesellschaft. Sowohl Cordes als auch Weiss trafen sich zudem als Mitglieder des
gemischten Freimaurerordens des Le Droit Humain in der gemeinsamen Loge Vertrauen. Ihr gehörte Weiss
von 1926 bis 1929, also nur drei Jahre, an.
Theosophische Aktivitäten standen Anfang der 1920er Jahren mit dem Projekt „Eden“ in engem Austausch mit
der Siedlungsbewegung des Roten Wien. Der Bürgerkrieg von 1934 und die darauffolgende Kanzlerdiktatur des
Ständestaates beendeten viele der zahlreichen visionären Experimente der 1920er Jahre. Durch ihren
autokratischen Kurs ebnete der Austrofaschismus den Weg für den Terror des Nationalsozialismus. Richard
Weiss sollte den politischen Umschwung unverzüglich zu spüren bekommen. Bereits 1935 wurde er mit nur 51
Jahren als Lehrer in den Ruhestand versetzt, das heißt aus politischen Gründen entlassen. Er zog zunächst
in die Niederlande wo seine ungedruckte Schrift Welt ohne Grenzen 1937 in unter dem Titel Een wereld
zonder grenzen erschien. Am 14. Juli 1938 musste er wegen seiner jüdischen Herkunft in Wien sein
gesamtes Vermögen deklarieren - es bestand nur aus einer Pension von 2.222 RM. Die drohende
Lebensgefahr trieb ihn 1939 in die Flucht. Zusammen mit seiner Tochter Luzie (1912-1974) und deren
Ehemann Isidor Knossew (1898-1965), einem aus Lemberg nach Wien zugewanderten Dermatologen, gelangte
die Familie sicher nach Australien. Seiner geschiedenen Frau, seit 1921 mit Otto Bäcker (*1877),
verheiratet, misslang zusammen mit ihren zwei Töchtern Lieselotte und Anny Josefine ein Entrinnen
vor der nationalsozialistischen Todesmaschinerie. Alle vier wurden 1942 in Polen Opfer der Schoa.
Österreich hatte durch den nationalsozialistischen Terror, die Vertreibung und Ermordung großer
Teile der jüdischen Bevölkerung einen massiven Verlust erlitten. Richard Weiss zählte zu jenen
intellektuellen Aktivist*innenen, deren Engagement in der kurzen Zeit der Ersten Republik beispielgebend
war. Im süd-östlichen Australien lebte er nun von den Einkünften als Privatlehrer. Er unterrichtete
Deutsch und setzte hier auch seine Publikationstätigkeit fort. Die englische Ausgabe World without
frontiers erschien 1946 in Sydney bei Peter Huston und 1958 in zweiter Auflage in Sydney, bei
Angus & Robertson. Am 12. Juli 1960 verstarb er im Alter von 76 Jahren in Australien. Eine
seiner Wirkungsstätten, das Mädchenheim in „Eden“ war zu diesem Zeitpunkt längst geschlossen,
das Haus in Privatbesitz übergegangen. Als Architekturkleinod der zur österreichischen
Stararchitektin avancierten Margarete Schütte-Lihotzky gibt das noch immer existierendes
Gebäude ein sehenswertes Zeugnis historischer Funktionalität. Als anregender Erinnerungsort
lässt es auf die Umsetzung von Visionen lebensreformerischer Bestrebungen zurückdenken.
Quelle: Archiv und Forschung des LE DROIT HUMAIN Österreich
Link:
Richard Weiss auf der Plattform WIEN GESCHICHTE WIKI
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